11 Thesen für einen Green Deal mit der Kultur

Alle und überall sprechen vom Green Deal. Und man wird nicht müde, die Rolle der Kultur bei der Bewältigung dieser enormen gesellschaftlichen Transformationsaufgabe zu betonen.

Ein Deal ist eine Absprache auf Gegenseitigkeit. Beide Seiten geben etwas, beide Seiten bekommen etwas. Aber wie könnte ein solcher „Green Deal für die Kultur“ aussehen? Was müsste darin gereglt werden? Was braucht die Kultur? Und was ist sie dafür bereit zu geben?

Ein Green Deal für die Kultur

In 14 bilateralen Explorationsgesprächen und zwei öffentlichen Veranstaltungen in Kooperation mit dem Monopol Magazin wurden im Jahr 2020 initiale Leitfragen adressiert und konkretisiert. Gesprächspartner:innen und Teilnehmende kamen aus den Bereichen Bildende Kunst, Theater- und Musikfestivals, Kulturorte, Spielstätten, Verbände, Kulturpolitik, Museen, Galerien, Förderinstitutionen, Stiftungen, IHKs, Energieagenturen und Medien. 

Herausgekommen sind 11 Thesen, die versuchen zu beschreiben, was die eigentliche Herausforderung ist. Sozusagen die Frage: was liegt gerade auf dem Tisch. Und aber auch einen konstruktiven, gemeinsamen Weg zu beschreiben, diese große Zukunftsaufgabe zusammen mit der Kultur zu lösen. Denn: gesellschaftliche Relevanz kommt von gesellschaftlicher Relevanz.

Textvorlage: Jacob Sylvester Bilabel 

Stimme & Bearbeitung: Katrin von Chamier

Art Direction: Karim Dabbèche 

Musik: Aloa Input / Florian Kreier 

Dank an: Daniela Berglehn (Eon Stiftung)

Lange Version: 11 Thesen für einen Green Deal mit der Kultur

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11 Thesen für einen Green Deal mit der Kultur

Der erzwungene Stillstand durch die Pandemie hat bei vielen kulturellen Akteur*innen zu einem Prozess des Hinterfragens und Umdenkens geführt. Bereits das alte Normal war keine Komfortzone – ein Zurück scheint weder wahrscheinlich noch zielführend. Vielen wird klar: das Neue Normal muss ganz anders gedacht werden. Nachhaltigkeit darf dann nicht mehr die Ausnahme, sondern sollte die Regeln sein. Nur so kann eine echte zukunftsfähige Kultur gebaut werden. Ein Green Deal muss diesen Neuen Standard klar definieren.

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Vom Wissen zum Handeln.

In vielen Gesprächen wurde eine Überforderung mit der Breite der Herausforderungen beschrieben. Das Bewusstsein der Dringlichkeit ist klar vorhanden. Jetzt ist die wichtige Frage: wie kann in dem kulturellen Sektor schnell und im Rahmen der zur Verfügung stehenden Ressourcen Handlungswissen erlangt und vermittelt werden. Die sektorenspezifische Operationalisierung der einzelnen klimarelevanten Reduktionsmaßnahmen sollte daher im Mittelpunkt eines Green Deals stehen. Sektorenübergreifende Experimente, Reallabore und Pilotprojekte ermöglichen dann das Erlangen von Erfahrungswissen.

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Keine Innovation ohne Exnovation.

Der kulturelle Sektor und damit seine Akteur*innen entwickeln sich seit mehreren tausenden Jahren kontinuierlich weiter. In keinem Sektor besteht damit eine so hohe Affinität zu Innovationsprozessen. Im gleichen Moment ist den meisten handelnden Akteur*innen klar, dass der Prozess der Erneuerung auch das Beenden von Altem bedeuten muss. Ein Green Deal muss daher genauso innovativ wie palliativ gedacht sein.

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Die Nacht vor dem Neustart ist die wichtigste.

Im Neustart Kultur Programm der Bundesregierung wird versucht, den kulturellen Sektor mit einem milliardenschweren Rettungsprogramm eine Erwerbs- und Zukunftsperspektive zu geben. Leider fehlt im kompletten Programm der Hinweis auf das Thema Nachhaltigkeit als definierende Bedingung für einen zukunftsfähigen kulturellen Sektor. Allen Gesprächspartner*innen war aber klar, dass dies unter Umständen eine vertane Chance sein könnte, die strukturellen Rahmenbedingungen wie Förderstrukturen oder Schwerpunkte strategisch zu formulieren. Ein Green Deal sollte dies proaktiv adressieren

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Daten helfen zu verstehen und zu planen.

Mit dem Pariser 1,5 Grad Ziel, den 17 Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen oder dem 2030 Klimaschutzziel der Bundesregierung ist der quantitative Rahmen der Transformation des kulturellen Sektors und seiner Institutionen eigentlich klar beschrieben. Dennoch gibt es praktisch keine Datengrundlage über Status der klimarelevanten Indikatoren noch zu Wirksamkeit geplanter Maßnahmen. Dies macht eine strategische Planung samt Abwägung von Kosten und Nutzen aktuell schwierig bis unmöglich. Nach dem englischen ‚What you measure you will manage‘ sollte ein Green Deal den kulturellen Sektor bei dieser Herausforderung aktiv unterstützen.

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Kultur ist weder effizient noch suffizient.

Man kann eine Künstlerin nicht bitten, jetzt doch bitte effizient zu agieren, weil sie ja bereits genug Kunst produziert hat. Ebenso wenig ist die Frage nach einem ‚Genug‘ von Kunst nicht zu beantworten. Für den kulturellen Sektor müssen daher andere Prozesse und Begrifflichkeiten gefunden werden um das hohe Motivationspotential der Akteur*innen zu adressieren. Ein Green Deal für die Kunst muss hier eine neue Sprache in einem co-kreativen Prozess entwickeln.

(9)
Kreativität ist eine paradoxe Ressource.

Klassisches Denken im strukturellen Rahmen des Ressourcenschutzes ist für Künstler*innen und Institutionen nicht immer einfach, weil diese das Konzept der limitierten Ressource nicht überall verinnerlicht haben. Stattdessen empfinden diese die Arbeit mit der Ressource Kreativität als paradox: je mehr sie diese einsetzen, desto mehr scheinen sie davon zur Verfügung zu haben. In dieser Logik ist der kulturelle Sektor schon jetzt ein Beispiel für die Abkoppelung des Wachstums vom Ressourcenverbrauch.

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Digital ist nicht das neue Analog.

Die im Rahmen der Pandemie erfolgten oft überhasteten Digitalisierungsvorhaben haben eines schmerzhaft gezeigt: das einfache Übertragen von kulturellen Erlebnissen in den digitalen Raum funktioniert nicht nur meistens wenig, sondern entwertet im schlimmsten Falle das Angebot und damit seine Produzierenden. Ein Green Deal muss daher völlig neue Formate und Angebote denken und diese spezifisch entwickeln. Dabei muss die Monetarisierung genauso mitgedacht werden wie Themen der nicht gelösten energetischen Nachhaltigkeit von den bestehenden digitalen Plattform Angeboten.

(11)
Gesellschaftliche Relevanz entsteht durch gesellschaftliche Relevanz.

Die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Kultur und ihrer Institutionen wird aktuell im Rahmen der Pandemie kontrovers diskutiert. Ein Green Deal zwischen der Gesellschaft und der Kultur könnte hier Chancen und Herausforderungen neu definieren. Wenn der kulturelle Sektor sich proaktiv an der Lösung der gesamtgesellschaftlichen Herausforderung der Klimakrise und der damit verbundenen nötigen Transformationen beteiligt wäre die Relevanzfrage klar geklärt. Entzieht sich der Sektor dieser Aufgabe entsteht mittelfristig ein Legitimationsproblem was langfristig zu einem Aufweichen der notwendigen Förderstrukturen führen könnte.

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