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Grüne Kunst – Grüne Museen

Riesige Räume mit einer permanenten Temperatur von 20 Grad Celsius, außerdem reichlich Flugverkehr für Gemälde, Kuratoren und Kulturtouristen: So trägt der Kunstbetrieb zum weltweiten Klimawandel bei. Damit sich das ändert, müssen Museumsmacher, Künstler und Architekten umdenken. Ausschnitte aus dem Beitrag vom 18. Januar 2021 im Deutschlandfunk von Anja Reinhardt.

Ein Radio Essay mit Ludwig Mies van der Rohe, Stefan Simon / Stiftung Preussischer Kulturbesitz, der Restauratorin Alexandra Czarnecki / Alte Nationalgalerie in Berlin, Hans Ulrich Obrist / künstlerischer Direktor der Londoner Serpentine Galleries, Sabine Schormann / Geschäftsführerin der documenta und Jacob Sylvester Bilabel / Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit.

Beitrag vom 18. Januar 2021 im Deutschlandfunk von Anja Reinhardt.

Nationalgalerie Berlin

(Ausschnitte aus dem Beitrag)
„Sie ist eine Architektur-Ikone der Nachkriegsmoderne: Schlicht und mit streng geraden Linien steht die Neue Nationalgalerie am Berliner Kulturforum, ein Tempel aus Glaswänden und Stahl, gebaut Mitte der 1960er-Jahre von Ludwig Mies van der Rohe.

„Ich liebe diese Einfachheit, nicht wahr.“

Ludwig Mies van der Rohe
Neue Nationalgalerie (Hartwig Dobbertin / Pixabay)

Im kommenden April wird das Museum nach mehr als vier Jahren Schließung wiedereröffnen. 140 Millionen Euro hat die Sanierung dieses in aller Welt bekannten Hauses durch den britischen Architekten David Chipperfield gekostet. Mancher mag sich nun fragen, ob das Gebäude künftig weniger Energie verbraucht. Vor der Schließung waren es 12,5 Millionen Kilowattstunden Strom und Wärme im Jahr. Das entspricht umgerechnet etwa dem Verbrauch von 3.500 Zwei-Personen-Haushalten. Der Energieverbrauch des Gebäudes mit seinen gigantischen Glaswänden und den riesigen offenen Räumen dürfte auch in Zukunft trotz neu eingebauter Energiesparlampen hoch bleiben. Das Museum, ein Klima-Killer?“

Die Werke reisen um den halben Globus

Die Häuser können oder wollen oft selbst nicht genau beziffern, was ihre Graue Energie genau ausmacht. Zu diesem Ergebnis kommt eine von der Kunstzeitschrift „Art“ initiierte Umfrage unter rund 80 Institutionen. Auch Alexandra Czarnecki, Restauratorin in der Alten Nationalgalerie in Berlin, bestätigt das. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie ein nachhaltiges Bewahren von Kulturgut möglich sein könnte.

„Zunächst denke ich, müsste man wissen, welche Ökobilanz die Museen denn nun tatsächlich vorweisen. Denn eine derartige Datenerhebung im Sinne jetzt der ökologischen Nachhaltigkeit ist mir bisher aus keinem deutschen Museum bekannt. Es also gibt quasi keine Fakten, die man hernehmen kann, sondern man kann im Grunde nur mutmaßen.“

Alexandra Czarnecki, Restauratorin in der Alten Nationalgalerie in Berlin

Klimawandel als Thema der Künstler

Besonders auffällig wird das an den Museumsneubauten auf der Arabischen Halbinsel, in Abu Dhabi und Doha. Der Architekt und Priztker-Preisträger Jean Nouvel realisierte dort spektakuläre Bauten. Der Energieverbrauch der Klimaanlagen, die die Räume in den Wüstenregionen auf von Versicherungen geforderten stabilen 20 Grad halten, ist vermutlich gigantisch, Angaben dazu gibt es keine. Dabei läuft gerade diese jüngste Prestigearchitektur dem Anliegen vieler Künstler diametral entgegen.

„Die Museen des 21. Jahrhunderts werden einbeziehen müssen, dass sich die Art und Weise, wie Künstler arbeiten, verändert.“

Denn immer mehr Künstler machen den Klimawandel zum Thema ihrer Kunst und passen ihre Arbeitsweise an. So kommentierte Olafur Eliasson Polkappenschmelze während des Weltklimagipfels 2015 in Paris mit aufgestellten schmelzenden Gletscherbrocken. Der Argentinier Tomas Saraceno erhebt Spinnennetze zum Kunstwerk und denkt in seinen Installationen über alternative Lebensformen nach. Die nächste documenta wird von dem indonesischen Kollektiv ruangrupa geleitet, das den Gedanken des Gemeinwohls über sein gesamtes Schaffen stellt.

Künstler*innenkollektiv Ruangrupa aus Indonesien

„Das sind Werte nach denen wir arbeiten. Wir haben dabei die Individualität nicht getötet. Wir respektieren und schätzen die individuelle Arbeit hoch. Die Stärke des Kollektivismus ist auch die Stärke des einzelnen. Das eine schließt das andere nicht aus.“

Kritiker fragen, wie sinnvoll eine künstlerische Praxis ist, die sich als erweiterte Pädagogik und als mahnender Appell an den Betrachter versteht. Wirklich brennend ist die Frage der Nachhaltigkeit auch eher hinter den Kulissen. Die nächste documenta in Kassel setzt sich zwar auch inhaltlich mit dem Zustand unseres Planeten auseinander. Aber sie muss sich als eine der wichtigsten Kunstschauen der Welt der Frage ebenfalls strukturell und institutionell stellen. Sabine Schormann, Geschäftsführerin der documenta, sieht eine klare Verantwortung darin…

„…uns so klimafreundlich und nachhaltig wie möglich aufzustellen. Das wird nicht zu einer 100-Prozent Klimaneutralität führen können, denn die würde, glaube ich, nur dann gelingen, wenn man die documenta gar nicht durchführt. Selbst wenn sie rein digital durchgeführt würde, hätte das ja einen entsprechenden Abdruck zur Folge. Aber man kann sich natürlich auf allen möglichen Feldern von Mobilität über Catering bis hin zum Ausstellungsbau und der Infrastruktur und Publikationen, versuchen nachhaltiger aufzustellen und das tun wir auch.“

Sabine Schormann, Geschäftsführerin der documenta

Wieviel Klimaschwankungen verträgt die Kunst? 

Jacob Sylvester Bilabel vom Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit sieht Möglichkeiten des Wandels in der Kunst hin zu einer klimatauglichen Zukunft nur im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang.

„Ich glaube, wir haben einen Fehler, wenn wir jetzt ein System betrachten und nur einen kleinen Teil rausnehmen würden, also sozusagen, wir schauen uns nur den Footprint der Emission der Menschen an, die eine Veranstaltung besuchen, oder eine Ausstellung.“

„Wie wir jetzt auch Umdenken, im letzten Jahr, und unsere Konferenzen über Videoplattformen abhalten und eben nicht mehr überall hinreisen – das wird sich natürlich auch in der Praxis der Museen niederschlagen. Man wird sich überlegen: kann man nicht Ausstellungen machen mit Objekten in den eigenen Sammlungen? Muss es denn immer der internationale Reiseverkehr sein? Kann man nicht eben mal schauen, ob man zumindest aus dem näheren Bereich Objekte holt oder längerfristig Objekte in Ausstellungen integriert?“

Einige Institutionen praktizieren eine andere Ausstellungspraxis, wie sie von Stefan Simon und seiner Initiative für das Grüne Museum vorgeschlagen wird. So zeigte der Gropius Bau in Berlin im vergangenen Sommer mit „Down To Earth“ eine Schau, die den Klimawandel nicht nur künstlerisch abbildete, sondern die auch keine Künstler einflog. Außerdem wurde einen Monat lang sogar der Strom abgestellt. Auch Hans Ulrich Obrist wird das für sein Projekt „Back To Earth“ in London umsetzen. Die geltende Museumspraxis sei von Überfluss geprägt:

„Sehr oft bei Ausstellungen werden Wände rausgerissen. Es werden wieder neue Wände reingesetzt, ganz neue Strukturen gebildet. Dass man halt irgendwie das Display auch der vorherigen Ausstellung verwendet, ist auf jeden Fall eine Möglichkeit. Das Bündeln von Transporten ist enorm wichtig, dass man eben auch vermeidet, dass irgendwie Werke aus einer Vielzahl von Geografien und so weiter, um die Welt fliegen, sondern man kann die Werke bündeln. Also, das haben wir jetzt auch mit größeren Ausstellungen gemacht.“

Hans Ulrich Obrist, Serpentine London

Viel Energie für die Bewahrung von Schlüsselwerke

Das naheliegende Problem jeder Sammlung und jedes Depots ist aber das beständige Wachstum, wenn man den Begriff des Sammelns ernst nimmt. Wer sich als Kulturnation versteht, der bezieht seine Identität aus dem, was die Musik, die Literatur, die Architektur, die Kunst hervorbringen. Das bedeutet, es wird auch immer mehr Platz und Energie für diese Praxis benötigt.

„Zum Entsammeln hat sich der Deutsche Museumsbund ja relativ eindeutig positioniert, und zwar entsammeln die deutschen Museen nicht. Es wird nicht getauscht. Es wird nicht verkauft wie in Amerika, sondern wir nehmen unseren Auftrag als Bewahrungsort ernst. Und das einzige, was es immer noch gibt, ist Restitution. Das ist auch wichtig und das versteht die deutsche Museumslandschaft auch als einen zentralen Auftrag. Aber grundsätzlich verpflichten wir uns, die Sammlungen zu erhalten, zu erforschen, zu präsentieren, zu vermitteln und eben zu bewahren.“

Restauratorin Alexandra Czarnecki

Nehmen wir noch mal das Beispiel des 600 Jahre alten Genter Altars von Jan van Eyck, der in einem klimatisierten Glaskasten in der Genter Kirche St. Bavo steht. Und der für viele Millionen Euro gerade restauriert wurde. Die Energie, die für die Bewahrung und Pflege dieses Schlüsselwerks der europäischen Renaissance auch in Zukunft aufgewendet werden muss, wird sehr hoch bleiben. Irgendwann, so sind sich Forscher wie Stefan Simon sicher, werden sich Gesellschaften diesen Energieverbrauch aber nicht mehr für alle Kunstwerke leisten können. Wer also wird dann entscheiden, was in den Kanon gehört, was bleibt und was verfallen soll? Jacob Sylvester Bilabel vom Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit sieht darin eine entscheidende Fragestellung für die Zukunft:

„Wir sind geschichtlich in einer sehr interessanten Phase. Wir haben bis jetzt addiert, addiert, addiert. Also das Versprechen der Moderne, Wachstum, Fortschritt, alles überall zu jeder Zeit, hat sich weitestgehend eingelöst. Die spannende Frage ist jetzt, wo zwischen dem Bewahren und dem Erneuern sehen wir uns? Und damit ist jemand, der heute ein Museum betreibt oder eine Kuration für ein Museum als Auftrag hat, in einer ganz, ganz schwierigen Rolle, weil er oder sie muss sich fragen: Ist mein Auftrag das Bewahren? Oder ist mein Auftrag das Erneuern? Weil eine Sache ist total klar: das einfach so weitermachen, das wird nicht funktionieren.“

Jacob Sylvester Bilabel, Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit

Ein Radio Essay mit Ludwig Mies van der Rohe, Stefan Simon / Stiftung Preussischer Kulturbesitz, der Restauratorin Alexandra Czarnecki / Alte Nationalgalerie in Berlin, Hans Ulrich Obrist / künstlerischer Direktor der Londoner Serpentine Galleries, Sabine Schormann / Geschäftsführerin der documenta, Erhard Grundel und Jacob Sylvester Bilabel / Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit.

Beitrag vom 18. Januar 2021 im Deutschlandfunk von Anja Reinhardt.